Die Springiersbacher Klostermühle

Jahreszahl und Wappen über dem Fenster des alten Mühleneinganges geben uns Kunde
von der Errichtung des Mühlengebäudes
[46]
: Gebaut im Jahre 1731 unter
dem 30. Abt der Augustinerchorherren, Johann Heinrich von Wassenberg und erweitert
unter der Ägide des letzten Abtes, Carl Caspar von Holtrop (1758-1789)
[47
, wie es die Türinschrift
„1759“ über der linken Seitentür ausweist. Warum
Klostermühle? Das Springiersbacher Kloster jener
Zeit darf man sich
nicht vornehmlich nur als einen Ort des Gebetes, der
Kontemplation und des besonders gottwohlgefälligen Lebens vorstellen, wo Mönche
nach Ablegung von Gelübden in Gemeinschaft lebten. Vielmehr hatte sich das Springiersbacher Kloster immer
mehr zu einem Ort entwickelt, in dem Adelige - durch die beträchtlichen
Einkünfte des Klosters gut versorgt - zusammen lebten und ihren Lebensabend
verbringen konnten. Es war also eher ein feudales (Senioren-)Stift als ein
spirituelles Zentrum. In einem späteren Bericht einer vom Trierer Erzbischof eingesetzten
Kommission wird das Leben und Treiben in der Abtei schonungslos beschrieben.
[48]
Von Klosterregeln konnte nicht mehr die Rede sein. Die Kanoniker wollten
eigentlich weltliche Stiftsherren sein. Es war deshalb nur konsequent, dass sie
den Erzbischof 1786 ersuchten, die Abtei in ein Ritterstift umzuwandeln. Mit
dem 14. März 1791 wurde die ersehnte Umwandlung wirksam. Nach der französischen
Besetzung 1794 konnte sich das feudale Ritterstift naturgemäß nicht mehr lange
halten, und es wurde 1802 geschlossen. In den Jahren 1808/1809 wurden große
Teile der Klosterbesitzungen versteigert, u. a. die Klostermühle (s. u.).
Doch kehren wir nach dieser
kurzen, zum Verständnis der Mühlengeschichte notwendigen Situationsbeschreibung
des Klosters, nun wieder zur Mühle zurück. „Das Mühlenwerk bestand aus vier
Mahlgängen. Betrieben wurde die Mühle in Eigenwirtschaft der Abtei, die einen
Müller und mehrere Mühlenknechte gegen Kost und Lohn beschäftigte“.
[49]
Aus dieser Zeit ist uns namentlich nur ein Johann Mathai aus Steinfeld, Müller
auf der Springiersbacher Mühle, bekannt, der 1772 eine Maria Döll in Pünderich
ehelichte. Im Jahre 1784 wird der Müller aus der Abtei Springiersbach Jakob Hoenen
erwähnt.
[50]
Er war 1751 in Kail geboren, Sohn des Johann Adam Hoenen und der Margarethe
Heynen.
[51]
1784 hatte er in Weinfeld bei Schalkenmehren die Anna Maria Langenfeld, geboren
1759 in
[52]
Daun, geheiratet
[53]
, die drei Monate vor der Hochzeit in Schalkenmehren eine
filia naturalis
[54]
geboren hatte, deren Vaterschaft er anerkannt hatte.
[55]
Jakob Hoenen zog 1787 nach
Springiersbach, ließ sein drittes Kind, Mathias, aber wieder in Schalkenmehren
taufen. Der Taufeintrag des vierten Kindes ist auch wieder in Schalkenmehren
[56]
zu finden: Joseph Anselm
Carl, geboren 1. Februar 1790 in Mühle Springiersbach. Nach Ausweis des
Taufeintrages hatte der Täufling einen adeligen Paten, nämlich den
„hochachtbaren Herrn Joseph Anselm Carl Freiherr von Reichlin zu Meldegg
[57]
, Capitularcanonicus in Springiersbach“.
Und er war höchstselbst erschienen und hatte sich nicht etwa vertreten lassen,
was der Patenschaft keinerlei Abbruch getan hätte. Da muss es schon eine
besondere Beziehung zu mindestens einem Elternteil gegeben haben. Oder lag ihm
das Wohl des Täuflings aus einem uns nicht bekannten Grunde besonders am
Herzen? Jedenfalls war seit 1790
Jakob Hoenen, der Vater des gerade erwähnten Täuflings, (vermutlich erster)
Pächter der Springiersbacher Mühle mit Wohnsitz Mühle, auf der ihm noch mindestens
drei weitere Kinder geboren wurden. Wie oben schon angesprochen, wurde die Klostermühle
am 22. Sept. 1809 von dem Kaufmann Mathias Joseph Hayn
[58]
für 4880 Frs.- was 1301
[59] Talern entsprach -
ersteigert.
[60]
Die Mühle bestand aus dem
Mühlenhaus von 0,17 ha, einem Garten mit 3,31 ha, einem Acker mit 2,32 ha und
einem Teich. Pächter war immer noch Jakob Hoenen. Er war jetzt 58 Jahre alt,
und sein Sohn Mathias wird mit seinen 20 Jahren wohl schon einen großen Teil
der Müllerarbeit übernommen haben. 1813 heiratete dieser die Magdalena Vogt aus
Kinheim. Sieben Kinder wurden den Eheleuten bis 1827 auf der Mühle geboren,
drei weitere danach in Bengel, womit schon angedeutet ist, dass sie die Mühle
hatten verlassen müssen. Bernard Schlöder aus Zell hatte die Mühle gekauft, und
anders als der vorige Eigentümer wollte Bernard die Mühle selbst bewirtschaften
und mit seiner Familie auch auf der Mühle wohnen. Der neue „Müller“ war bereits
57 Jahre alt und hatte sich nach seiner Heirat mit Amalia Clar, Tochter eines
Wundarztes und Chirurgs in Zell, als Rotgerber in Zell niedergelassen. Diesen
Beruf hatte schon sein Vater in Wittlich ausgeübt, der dort Synodale, Ratsherr
und 1770 Bürgermeister gewesen war. Was Bernards Beweggründe waren, mit seinen
Jahren noch „umzusatteln“, ist uns nicht bekannt. Wer ihn in den Müllerberuf
eingearbeitet und ihm die Mühlenabläufe erklärt hat, wissen wir ebenfalls
nicht. Das könnte eigentlich nur der vorige Müller, Mathias Hoenen, gewesen
sein, der ja in Bengel wohnte. Es gibt zumindest keine Hinweise, die gegen
diese Vermutung sprächen. Spätestens seit Frühjahr 1828 wohnte Bernard,
Schlöder-Müller I, zusammen mit seiner Frau und den fünf jüngsten seiner zwölf
Kinder - davon drei unverheiratete Söhne zwischen 16 bis 22 Jahren - auf der
Mühle. Mit der vereinten Arbeitskraft der Familie sollte wohl der Mühlenbetrieb
und die kleine nebenbetriebliche Landwirtschaft zu bewältigen gewesen sein.
Auch die Integration in die Gemeinde Bengel geschah sehr schnell, wie die
übernommenen Patenschaften vermuten lassen.
[61]
Anscheinend sind Bernards
Pläne beim Kauf der Mühle voll aufgegangen. Als Bernard am 1. Juni 1846 mit 76
Jahren starb, übernahm der älteste der von Zell mit herübergekommenen Söhne,
Johann Philipp, Schlöder-Müller II, die Mühle. Der zweitälteste Sohn Jakob war
nach Bengel als Ackerer verheiratet. Der jüngste Sohn Peter blieb auf der
Springiersbacher Mühle. Er kaufte 1849 die Reilermühle. Zu dieser Zeit bestand
die Klostermühle aus 2 Wohnhäusern
[62]
mit 13 Bewohnern.
[63]
Als Schlöder-Müller
II die Mühle erbte, war er bereits seit
sieben Jahren mit Anna Maria Jacoby aus Kinheim verheiratet und hatte fünf
Kinder, denen noch vier weitere folgen sollten. Die Frau Müllerin galt als eine
„resolute Frau“, während der Müller als die „Milde selbst“ überliefert wird.
[64]
Sohn Nikolaus, geboren
1850, war gelernter Müller und Ehrenmitglied des Handwerkervereins Bengel.
Nikolaus verlor durch einen Unfall auf der Mühle einen Arm.
[65]
Des Schlöder-Müller II
Sohn Philipp, geboren 1848, war Vater des Heinrich Schlöder, der später die Hammer
Mühle kaufte (s. dort). Beide starben sehr früh nach der Heirat, der erste mit
27 Jahren, letzterer mit noch nicht 30 Jahren. In Schlöder-Müllers II Zeit
fielen die beiden katastrophalen Ereignisse, die die Gemeinde Bengel auf
Jahrzehnte hinaus wirtschaftlich lähmten: der große Brand von 1865, in dem 161
von 194 Wohngebäuden nebst Scheunen und Stallungen zerstört wurden
[66]
, und im Folgejahr die
schreckliche Choleraepidemie, die 81 Dorfbewohnern
[67]
das Leben kostete. In
beiden Katastrophen leistete der Müller sowohl organisatorische Unterstützung
als auch materielle Hilfe. Aber auch als Mühlenbesitzer war er aktiv. So baute
er im Jahre 1856 ein zweites Mühlenhaus, in dem Öl gepresst wurde. Aus diesem
Mühlenhaus entwickelte sich die Springiersbacher Ölmühle (s. dort). Als
Schlöder-Müller II im Jahre 1891 mit 85 Jahren starb, übernahm sein ältester
Sohn Peter Josef, Schlöder-Müller III, die Mühle(n). Er war 46 Jahre alt, seit
1875 mit Margarethe Arens aus Ürzig verheiratet, und hatte sechs Kinder. Um
1912 wurde die Mühle umgebaut, indem die oberschlächtigen Mühlräder durch eine
Turbine ersetzt wurden. Weiterhin wurde ein Generator eingebaut, der
Elektrizität für Mühle und Wohnhaus erzeugte. Schlöder-Müller III wurde 78
Jahre alt und starb im Jahre 1923. Von seinen fünf Söhnen blieben vier dem
Müllerberuf (im weiteren Sinne) verbunden: Peter Martin, Schlöder-Müller IV,
der zweitälteste, erbte die Klostermühle. Philipp, dem Ältesten, reichte die Ölmühle
- wegen der sonst fälligen Zahlungen an die Miterben. Nikolaus kaufte Anfang
des 20. Jahrh. die Stadtmühle Trarbach, und Josef wurde Bäckermeister in Trier.
Johannes sorgte sich für diese Handwerker des täglichen Brotes um den
himmlichen Segen und wurde Geistlicher in Altlay, Körperich und Graach. Genau
wie sein Vater war Schlöder-Müller IV bei der Übernahme der Mühle 46 Jahre alt.

Springiersbacher Mühle um 1930
Er hatte 1910 Margarethe
Michels aus Pommern geheiratet und stand jetzt einer zehnköpfigen Familie vor,
die 1925 durch die Geburt des jüngsten Sohnes abgeschlossen wurde. Aus seiner
Zeit, Mitte der 1930er Jahre, stammt das hier wiedergegebene Foto der Mühle mit
seiner besonderen Atmosphäre. Die Familie des Schlöder-Müller IV muß man in den
Kategorien ihrer Zeit als fromm, gottesfürchtig und kirchentreu bezeichnen,
auch wenn das heute keine anerkannten Kategorien zur Personencharakterisierung
mehr sind. Zwei Söhne wurden Geistliche, und zwar einer Ordenspriester, der
andere Pfarrer. Eine Tochter trat in den Ursulinenorden ein und wurde später
Leiterin der Ursulinenschule in Aachen. Für die Kontinuität in der Müllernachfolge
sorgten die beiden ältesten Söhne, Bernhard und Peter, beide Müllermeister. Der
ältere Bernhard, Schlöder-Müller V, übernahm die Mühle, nachdem Schlöder-Müller
IV im Jahre 1935 gestorben war. Bernhard besorgte die Geschäfte der Mühle
gemeinsam mit seinem jüngeren unverheirateten Bruder Peter. Entsprechend ihrem
jeweiligen Naturell war schwerpunktmäßig Schlöder-Müller V für die Produktion
und Peter für den Vertrieb zuständig. Als Schlöder-Müller V 1952 eine zupackende
und ideenreiche Frau aus dem Münsterland heiratete, war es sehr bald offenkundig,
dass Mühlen demnächst nur noch Zeugnisse einer früheren Epoche, aber nicht mehr Basis des
Lebenserwerbs sein werden. So wurde die Viehhaltung verbessert, ein neuer Stall
für die Rinder gebaut und die Schweinehaltung vergrößert. Futtermittel- und
Mehlverkauf wurden als Nebenerwerb erschlossen. Bis 1980 wurde dann noch Korn
gemahlen, danach nur noch hin und wieder etwas Schrot für die Viehfütterung.
Die eigene Nachfolge sah Schlöder-Müller V realistisch, und so ließ er seine
beiden Söhne studieren, den Ältesten Mathematik, den Zweitgeborenen
Agrarwissenschaften. 1990 starb Schlöder-Müller V. Da seine Söhne schon in
ihrer Jugend den täglichen Mühlenbetrieb umfassend in der Praxis kennengelernt
hatten, so könnten sie beide als Schlöder-Müller VI heute noch die Mühle
„fahren“: die letzten Springiersbacher Müller, ein promovierter Mathematiker
und ein promovierter Agraringenieur.