Die Hammer Mühle
Um 1810 standen am Ort der
heutigen Mühle drei Häuser, die ein „Eisenwerk“
[32]
bildeten. Darunter muß man sich einen primitiven Schmelzofen vorstellen, der
mit Holzkohle und mit in der näheren Umgebung abgebautem (gesammeltem) Eisenerz
beschickt wurde. Das gewonnene Roheisen wurde an Ort und Stelle zu Grobstabeisen
ausgeschmiedet, bevor es dann an die regionalen Schmieden verkauft wurde. Der
Betrieb wurde um 1824
[33]
eingestellt. Aber mit der Gründung des Alfer Eisenwerkes
[34]
im Jahre 1827
[35] gab es
offenbar Bedarf für einen weiteren Schmiedehammer außerhalb der „Alfer Hütte“,
sei es zur Abdeckung von Produktionsspitzen oder in Form eines Spezialhammers.
Dieser ausgelagerte Hammer hatte im Jahre 1849 die Bezeichnung „Reilerhammer“
[36],
womit die Funktion der „Mühle“ klar beschreiben war: ein mit Wasserkraft
betriebener Schmiedehammer. 11 Personen wohnten im Jahre 1847 auf dem
Reilerhammer.
[37] Der
Produktionsverbund mit dem Alfer Eisenwerk zog eine starke Abhängigkeit von dem
Alfer Eisenwerk nach sich. Zunächst ging es mit dem neuen Eisenwerk stark
bergauf. 1836 wurde es durch ein „Neues Werk“ erweitert, und ansehnliche Aufträge
wurden hereingeholt, u.a. „Lieferung der Eisenschienen für einfache Normalspur
und die erforderlichen Ausweichen für die Strecke Düsseldorf-Elberfeld,
zunächst für die Teilstrecke Düsseldorf bis Erkrath“.
[38]
Weiterhin war das Alfer Eisenwerk ein begehrter Lieferant von besonders
hochwertigem, „dreimal raffiniertem“ Eisen für die Gewehrfabrikation
(Königliche Gewehrfabriken in Danzig, Erfurt und Spandau, Königlich Bayrische
Gewehrfabrik in Amberg, Nikolaus Dreyse in Suhl, Mauser in Oberndorf). Aber auf
Dauer konnte die Produktion an diesem gegenüber anderen Wettbewerbern
ungünstigen Standort und gegen das Flusseisen nicht gehalten werden. Wir können
aufgrund der relativ häufigen Besitzerwechsel des Reilerhammers nach 1850
vermuten, dass dieser jetzt keine Goldgrube mehr war (wenn er es denn je
gewesen war): 1832 gehörte der Hammer einem gewissen Bibinger aus Frankfurt,
der verkaufte ihn 1851 an Michael Loch aus Oberöfflingen. Der nächste
Eigentümer war Johann Were im Jahre 1857 und ab 1864 Ferdinand Melchior,
wohnhaft zu Reilerhammer. Bis mindestens 1862 arbeitete der Hammer.
[39]
Zu dieser Zeit müssen sich die ersten Anzeichen der strukturellen Schwäche des
Eisenwerks bemerkbar gemacht haben. Ende der 1870er Jahre war ein regelmäßiger,
lohnender Betrieb des Eisenwerks nicht mehr möglich. Spätestens dann muß der
Reilerhammer zu einer Mahlmühle umgebaut worden sein und erhielt als Folge davon
im Sprachgebrauch den Namen „Hammer Mühle“, wobei nicht eindeutig ist, woher
„Hammer“ kommt: von der alten Funktion der Mühle oder von dem kleinen Wäldchen,
das sich bis fast an die Mühle erstreckt und im 19. Jahrh. die Bezeichnung
„Hammer Forst“
[40] hatte. Im
Jahre 1871 kaufte der Müller Nikolaus Schuh
[41]
die Hammer Mühle und übertrug sie 1881 an seinen Sohn, den Müller Martin Schuh.
[42]
1896 erwarb Heinrich Schlöder aus Bengel die Mühle. Heinrich war 25 Jahre alt
und der Sohn eines Ackerers aus Bengel und ein Urenkel des Müllers Bernard
Schlöder (s. Springiersbacher Mühle). Er war als Müller wohnhaft zu „Hammermühle“.
[43]
Im April 1896 heiratete er die Maria Magdalena Arens, Tochter des Winzers Peter
Martin Arens aus Ürzig. Die im August des folgenden Jahres geborene Tochter
Margarethe sollte das einzige Kind bleiben. Der Vater starb, noch nicht 30
Jahre alt, vor der Jahrhundertwende. Heinrichs Witwe heiratete im Jahre 1902 in
2. Ehe den auf der Mühle wohnenden Müller Peter Josef Rauen, der von der
Neumühle in Lutzerath gebürtig war. Die Eheleute waren beide 31 Jahre alt.
Besitzerin der Mühle war nach eigener schriftlicher Bekundung bei der Heirat
die Ehefrau. Zwei Jahre vorher war hingegen noch im Grundbuch die dreijährige
Margarethe aus der kurzen Ehe mit Heinrich Schlöder als alleinige Eigentümerin
der „Hammer Mühle“ eingetragen. Ab 1903 waren die Eheleute Rauen die
eingetragenen Mühleneigentümer. Die 2. Ehe endete 1913 durch einen tragischen
Unfall. Als alle Familienmitglieder auf dem Felde arbeiteten, geriet der Müller
im Mühlenhaus in den Transmissionsriemen und wurde zu Tode gequetscht. Drei
Kinder hinterließ der Verunglückte. Das älteste, Jakob, war erst neun Jahre
alt. Als Margarethe Schlöder, Tochter aus der 1. Ehe der Maria Magdalena Rauen,
verw. Schlöder, geborene Arens, 1922 den auf der Mühle arbeitenden Müller Anton
Oberhauser aus Bayern heiratete, war neben dem mittlerweile achtzehnjährigen Jakob
ein zweiter Müller auf der Mühle. Viele Jahre arbeiteten die Eheleute fleißig,
geschickt und geachtet auf der Hammer Mühle. Es muss sie deshalb sehr
geschmerzt haben, als die Mühle
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im Jahre 1939 an Jakob Rauen, den Halbbruder und Schwager, ging, der 1935 geheiratet
hatte. Das Ehepaar Oberhauser verließ die Mühle. Bis Mitte der 1950er Jahre wurde
noch auf der Mühle gemahlen. Müller Rauen transportierte Korn und Mehl mit
einem Pferdefuhrwerk zu Bauern und Bäckereien. Aber die Zeit der kleinen Familienmühlen
ging merklich und unaufhaltsam zu Ende. Deshalb sah sich der Müller nach einer
anderen Beschäftigung um und betrieb die Mühle nur noch im Nebenerwerb. Sehr
bald musste der Mahlbetrieb eingestellt werden, wie sich zeigte, für immer. Aus
Müller Rauens Sicht war es deshalb ein günstiger Umstand, daß im Jahre 1960 die
Wendling-Mühle im Altlayer Bachtal bei Zell wegen einer Brückenerweiterung
aufgegeben werden musste. Mit der Entschädigung hätte man vieles machen können.
Aber Müller Wendling wollte wieder ein Mühle haben, und so kaufte er die Hammer
Mühle. Der alte Eigentümer erhielt dafür ein schönes Haus in Reil. Müllermeister
Johann Wendling war mit Leib und Seele Müller, seit er in seiner Jugend mit
seinem Vater, einem Mühlenbauermeister, fast alle Mühlen der Region kennengelernt
hatte. Auch seine Frau stammte aus einer Müllerfamilie, und zwar aus der
Vollmühle in Oberweis /b. Bitburg.

Bei
diesem Hintergrund war er wohl etwas befangen, die Zukunftsaussichten des
Müllerberufs realistisch zu sehen. Zunächst erwarb er 1964 auch das unmittelbar
neben der Mühle gelegene alte Bahnwärterhäuschen. Großes hatte er mit der Hammer
Mühle vor, und so steckte er viel Geld in den Umbau. Davon zeugt heute noch der
von ferne sichtbare Rohbau, dessen weiterer Ausbau
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1980 eingestellt wurde. Vor Beginn der Bautätigkeit war im Jahre 1969 ein Teil
des alten Mühlenwohnhauses abgebrannt. Die Brandspuren sind noch zu sehen. Der
alte „Müller“ lebte zuletzt in seinem Bahnwärterhäuschen. Er starb 1983. Heute
nutzt einer seiner Söhne die Baulichkeiten und die umliegenden Wiesenflächen im
Rahmen eines landwirtschaftlichen Nebenerwerbs zur Mutterkuhhaltung von Limousin-Rindern.
Der Mühlbach fließt wie eh und je durch das Mühlenhaus, um in fast 5 Meter Tiefe
eine Turbine zu treiben. Der angeschlossene Generator erzeugt elektrische Energie
und leistet 18 kW. Das macht den kleinen landwirtschaftlichen Betrieb vom öffentlichen
Stromnetz unabhängig.